Unser Stadtarchiv – im Dienst der Bürger.

Ein Streifzug durch fünf Jahrhunderte Stadtgeschichte

Im Rahmen der „2. Kleinen Buchmesse im Neckartal“ hielt unser Archivar, Dr. Rüdiger Lenz, einen Vortrag, der die Aufgabe des Archivs im allgemeinen und im besonderen für unsere Stadt darstellte. Daraus in Auszügen die wichtigsten Passagen.

Die moderne Archivtheorie kennt keine abgeschlossenen, geheim gehaltenen Archive mehr, sondern diese sind für alle Bürger offen und ihre Bestände sind, sofern nicht zum Schutz berechtigter Interessen gesetzliche oder verwaltungsinterne Vorschriften entgegenstehen, für jedermann offen. Es genügt meist nur ein Anruf, ein e-mail oder ein Brief, um Zugang zu den Archivalien zu erhalten. Der Benutzung, die im Archivgebäude erfolgt, geht meist ein Beratungsgespräch voraus, ein Benutzungsantrag ist ebenfalls noch auszufüllen, und schon kann man sich mit alten Unterlagen beschäftigen.

Das Stadtarchiv Neckarsteinach wird im Rahmen eines sog. Archivverbundsmehrerer Kommunen im Odenwald und Neckartal betreut. Ihm gehören aus dem Rhein-Neckar-Kreis neben der Stadt Eberbach, dem Sitz des Archivs, Schönbrunn, die beiden hessischen Städte Hirschhorn und Neckarsteinach , sowie aus dem Neckar-Odenwald-Kreis Aglasterhausen, Neunkirchen, Schwarzach, Neckargerach, Neckarzimmern und Waldbrunn an.

Die Vorteile des Verbunds sprechen für sich. Zum einen wird eine gesetzliche Pflichtaufgabe erfüllt, da neben staatlichen Behörden die Kommunen verpflichtet sind, Archive zu unterhalten. Zum anderen vermindert die Zusammenarbeit die Kostenlast für die einzelne Kommune. Ein weiterer Aspekt kommt hinzu: Schon seit vielen Jahren nehmen die Aktenberge in einem rasanten Tempo und Umfang zu, womit die Archive von den Verwaltungen in immer kürzeren Abständen überschwemmt werden. Der Archivar muss bewerten, was rechtlich und historisch von Bedeutung ist und deshalb aufbewahrt werden soll. Unwichtiges Schriftgut wird ‚kassiert’.

Archivaliengattungen

Historiker oder Archivare unterscheiden drei traditionelle Archivaliengattungen: Urkunden-, Amts- und Rechnungsbücher sowie Akten; deren Entstehung von der allgemeinen Entwicklung der Verwaltung nicht zu trennen ist. Die älteste Form schriftlicher Überlieferung ist die Urkunde. Allerdings blieben im Mittelalter Lese- und Schreibfähigkeiten auf kleine Kreise, meist Geistliche, beschränkt. Wurde etwas schriftlich abgefasst, dann geschah dies nicht, um der Nachwelt ein Geschichtsdokument zu überliefern, sondern um eigene Rechte - ob begründet oder unbegründet - festzuhalten. Diesem Zweck diente die Urkunde und das dazu verwendete Material, ein Stück einer auf der Innenseite abgeschabten Tierhaut, war von besonders hoher Dauerhaftigkeit.

Der systematische Ausbau von Verwaltungsstrukturen im ausgehenden Mittelalter führte zu verbesserten Formen schriftlicher Überlieferung und mehr Material. Die Bestände der Archive im Archivverbund erlauben und reizen zu einem strukturellen Vergleich. Die beiden benachbarten, durch eine Landesgrenze getrennten Städte Eberbach und Hirschhorn verfügen über ähnliche Beständestrukturen, reichen ihre ältesten Archivalien doch bis in das 14. Jahrhundert zurück. Ihre Bestände kennen noch die klassischen Archivaliengattungen: neben [Pergament- oder Papier-] Urkunden besitzen die beiden Archive Amtsbücher sowie Akten und Pläne. Etwas jünger sind die Bestände des Stadtarchivs Neckarsteinach, sie setzen im späten 16. Jahrhundert ein. Pergamenturkunden besitzt das Stadtarchiv Neckarsteinach im Gegensatz zu Hirschhorn und Eberbach nicht, dennoch trat die Stadt Neckarsteinach wie andere Städte auch über ihre Lenkungsorgane, Bürgermeister und Rat, in Erscheinung.

Neckarsteinach wird erstmals 1377 als Stadt erwähnt. Die Urkunde ist nicht als Original, sondern nur als Abschrift erhalten, die im Generallandesarchiv Karlsruhe aufbewahrt wird. Die Stadt Neckarsteinach hatte als Spitze einen Stadtschultheißen, der von der Herrschaft eingesetzt wurde, daneben als kommunale Führungsämter Rats- und Gemeindebürgermeister. Der Rat und das Stadtgericht bestanden aus sieben Mitgliedern. Sie wurden nicht gewählt, sondern auf Vorschlag des Rats von der Herrschaft bestimmt und angenommen. Als Vertretung bürgerschaftlicher Interessen diente der sog. Siebender, der vom Rat in bestimmten Fällen herangezogen werden konnte. Die Stadt besaß ein Rathaus, das bereits 1426 erwähnt ist.

Mit diesen Lenkungsorganen, besonders Bürgermeister und Rat, und der damit verbundenen Schriftlichkeit müsste ein städtisches Archiv in Neckarsteinach schon recht bald nachzuweisen sein. Auch ein Stadtschreiber – Johann Schleich – ist 1580 bezeugt und mit ihm eine gesicherte Verwaltungstätigkeit. Daher ist es erstaunlich, dass das Stadtarchiv erst seit dem 18. Jahrhundert fassbar wird. Es hatte zu dieser Zeit, wie andere Archive auch, eine altertümliche Ordnung, gegliedert nach Sachrubriken und Ordnungsnummern. Ein Teil dieser alten Aktenumschläge ist noch heute im Stadtarchiv vorhanden. Das Alter der vorhandenen Aktenumschläge reichte jedoch nur bis zum Jahr 1650 zurück; hauptsächlich enthalten sie auch Betreffe über die Stellung Neckarsteinachs als ritterschaftlicher Ort bzw. im 18. Jahrhundert als Ort der Kondominatsherrschaft Worms und Speyer. Diese alte Ordnung ist vermutlich im frühen 20. Jahrhundert aufgelöst worden, als das Stadtarchiv erstmals von ausgewählten ehrenamtlichen Kräften nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten betreut wurde. Allerdings sind bis zur Mitte der Fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts ein Teil der ursprünglichen noch vorhandenen Rechnungsüberlieferung der Stadt, darunter einzelne Jahrgänge von Jahresrechnungen zwischen 1572 und 1713, verlorengegangen.

Die Bestände des Stadtarchivs Neckarsteinach, so wie sie sich heute darstellen, sind geprägt von der Aktenproduktion. Sie reichen bis in das späte 16. Jahrhundert zurück. Ältestes Stück ist jedoch nicht etwa eine Akte, sondern eine Rechnung, nämlich eine städtische Ungeldrechnung aus dem Jahre 1571/72. Die Ungelt-Rechnung listet die Steuereinnahmen aus dem Weinverzehr und –verkauf der Neckarsteinacher Wirtsleute auf. Sie wurde von den Landschaden von Steinach als Stadtherren abgehört, d.h. kontrolliert. Ein Teil der Einnahmen wurde zum Unterhalt von Stadtmauern und Stadttoren verwendet, ein anderer Teil floss als Dienstlohn an städtische Bedienstete, wie Bürgermeister, Stadtknecht und Ungelter.

Um eine Ordnung für die inzwischen weiter vermehrten schriftlichen Unterlagen der Stadt Neckarsteinach zu schaffen, wurden zwischen 1955 und 1960, unter der Amtszeit des Bürgermeisters Heinrich Feurer, die Bestände des Stadtarchivs mit Hilfe und nach Vorgaben der Beratungsstelle des Hessischen Landkreistages neu geordnet, ergänzt und die Aktentitel in einem dicken Buch genau beschrieben, das Repertorium genannt wird. Allerdings war dieses starre, für neue Zuwächse aus der Stadtverwaltung nur schwer ergänzbare System, das eine Nutzung mit Mitteln der elektronischen Datenverarbeitung ausschloss, für eine zeitgemäße Fortführung denkbar ungeeignet. Für Recherchen durch Benutzer oder durch die Verwaltung war dieses starre System sehr zeitaufwendig, so dass wir inzwischen dieses Repertorium „in den Ruhestand“ geschickt haben. An seine Stelle ist heute die digitale Erschließung, d.h. die Dateien im Computer getreten, so dass eine gesuchte Akte, eine notwendige Information, schnellst möglich beschafft werden kann. Auch das inzwischen für die Bedürfnisse der Stadtverwaltung Neckarsteinach angelegte „Zwischenarchiv“, das alle neueren Aktenablieferungen enthält, die von der Verwaltung noch benutzt werden, aber historisch gesehen noch nicht „archivwürdig“ sind, funktioniert auf dieser Basis. Gleichzeitig erlaubt uns dieses System, schon jetzt eine zeitgebundene Bewertung zu treffen, so dass das Endarchiv, das eigentlich historische Archiv, nicht mit Bestandsbewertungen belastet werden muss.

Bewertet man die Bestände des Stadtarchivs hinsichtlich einer gewissen Erwartungshaltung, so kann man darin Erstaunliches herausfiltern, wie etwa die sog. Rebellion einiger Bürger aus dem Jahr 1747 gegenüber dem Freiherrn von Hundheim, der zu dieser Zeit Pfandinhaber der Herrschaft war. Zu dieser Zeit ging ein tiefer Riss durch die auch konfessionell gespaltene Bürgerschaft, die zum Teil zu Hundheim, zum Teil zu den Metternichs als eigentlichen Rechteinhaber der Herrschaft hielten. In der Akte sind einzelne Beschwerden, die die Spannungen innerhalb der Bürgerschaft spürbar werden lassen, fein säuberlich aufnotiert. Sie geben einen schönen Blick in die Befindlichkeiten der damaligen Zeit.

Nimmt man dagegen eine systematische Bewertung der Bestände des Stadtarchivs Neckarsteinach vor, und professionelle Benutzer sind für solche Informationen sehr dankbar, so kann ich Ihnen ganze Serien verschiedener Archivalienformen anbieten, etwa:

Ratsprotokolle, erhalten seit 1724

Bürgermeisterrechnungen seit 1608

Gerichtsprotokolle seit 1750

Grund- und Pfandbücher seit 1797

Bürgerregister seit 1748

Zunftbücher seit 1768

Zinsbücher seit 1740

Bürgerregister seit 1822

und vieles andere mehr, darunter Massen von Akten, die mehrere Meter umfassen.

Natürlich sind die Ansprüche der Benutzer an das Archiv unterschiedlich, sie reichen von wissenschaftlich über heimatkundlich oder genealogisch orientierten Forschungsansätzen bis hin zu jener Gruppe von Benutzern, die nur die Lektüre einer alten Zeitung wünschen oder aus privatem Interesse in der Fotosammlung herumstöbern möchten.

Moderne Archive bewahren nicht nur amtliches Schriftgut in Form von Urkunden, Amts- und Rechnungsbüchern, Akten, Karten und Plänen auf, sondern erfassen den gesamten Bereich des öffentlichen und privaten Lebens. Hierin liegt einer der wesentlichen Unterschiede kommunaler Archive im Vergleich zu staatlichen Archiven, die nicht dieses Spektrum und Dichte der örtlichen Überlieferung besitzen.

Wir haben seit der Bildung des Archivverbunds, seit 1994, Statistik geführt, die widerspiegelt, was einzelne Benutzer aus dem Stadtarchiv Neckarsteinach zu sehen wünschten. Immer wieder kehrende Benützungswünsche waren, neben der Ahnenforschung:

technische Fragestellungen, etwa

- die Schifffahrt, Schiffswerften und Eisenbahnverkehr im Steinachtal

- Brückenbau, z.B. über die Steinach

- über das Stadtwappen

politische Fragestellungen:

- das Kriegsende 1945

- über die Belastungen der Kriegsjahre im Ersten und Zweiten Weltkrieg

über die Entwicklung Neckarsteinachs

- Geschichte von Gebäuden, etwa über das Spitz´sche Haus, das Rathaus, die evang. Kirche, die Kapelle Darsberg

- über die Neckarsteinacher Burgen und das Adelsgeschlecht der Landschaden von Steinach

- Mühlen

- Geschichte von Neckarhausen und Grein

über das Leben der Bevölkerung

- Auswanderung und Migration (darunter: Schülerwettbewerb der Körperstiftung)

- Kindererholungsheim Darsberg

- Brauereien in Neckarsteinach

- Zunft- und Handwerksordnungen

kulturelle Fragen und Vereinsgeschichte

- Volksbücherei und Turnerbund

- Freiherr vom Stein-Schule

Das Stadtarchiv ist mit einer eigenen Home-Page im Internet zu finden (http://www.eberbach.de/seite11.htm). Dort ist auch ein Überblick über die Bestände des Archivs Neckarsteinach eingestellt, der zur Erstinformation dienen soll. Das Archiv ist täglich geöffnet.

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