Minnesänger Bligger II.
Eine schwarze Harfe auf goldenem Schild zeigt das Stadtwappen von Neckarsteinach und dieses schöne, alte Musikinstrument ziert auch das städtische Siegel von 1650. Die Harfe verdankt die Vierburgenstadt ihrem berühmtesten Sohn, Bligger II., der von 1152 bis 1210 lebte und als ritterlicher Minnesänger unsterblich in der Heidelberger "Manessischen Liederhandschrift verewigt ist.
Bligger II. gehörte dem Geschlecht der Edelfreien von Steinach an, das seit 1142 urkundlich in Erscheinung tritt und innerhalb von nur drei Generationen die vier Burgen von Neckarsteinach und die Harfenburg bei Heddesbach im Ulfenbachtal erbaute. Die Stammburg des Geschlechts war die heutige Hinterburg, mit deren Bau Bligger I. begonnen hatte, die aber von seinem Sohn, Bligger II., noch wesentlich erweitert wurde.
Bligger II. ist eine typische Gestalt des Hochmittelalters, als sich das ritterlich höfische Leben reich zu entfalten begann. In diese Zeit fällt auch das Aufblühen des Minnegesangs, einer von Angehörigen der Adelsgeschlechter vorgetragenen Liebeslyrik, deren Hochblüte auf die Jahre zwischen 1180 und 1220 angesetzt wird und damit genau mit dem erwachsenen Leben des Steinacher Minnesängers zusammenfällt.
Es muß angenommen werden, dass das Steinacher Rittergeschlecht zu jener Zeit bereits eine gewisse Bedeutung hatte, denn schon 1150 wird Conrad I., ein Bruder von Bligger I., Bischof von Worms, dem damals mächtigsten deutschen Fürstbischofssitz. Obwohl keine Beweise dafür vorliegen, ist es nicht abwegig zu vermuten, dass Bligger II. als damals 18jähriger mit diesem Conrad, seinem Onkel, 1170 nach Konstantinopel reiste, wo dieser als Brautwerber für den Sohn des Kaisers Friedrich I. Barbarossa auftrat. Angenommen wird auch, dass er im Gefolge von Barbarossa am dritten Kreuzzug nach Jerusalem 1189 teilnahm, denn in einem seiner drei erhaltenen Gedichte , beklagt er mit Hinweis auf den Sarazenenfürsten Saladin sein Heimweh und die Sehnsucht nach seiner Geliebten in den vertrauten heimischen Landen.
Ganz sicher verbürgt sind seine Reisen als Begleiter von Kaiser Heinrich Vl. (1165-1197) nach Süditalien, denn sein Name erscheint in vier Kaiserurkunden der Jahre 1193-1196. Er beeidet z. B. in Piacenza, Italien, als "Blikerus de Steina" eine Schenkungsurkunde des Kaisers an den Bischof von Brixen. Und auch noch 1209 finden wir den Namen Bliggers II. in Italien, diesmal im Gefolge Kaiser Ottos IV. und zwar am 1. November 1209 in San Mineato und am 1. November in Ficicium. Unter den gleichen Schriftstücken steht auch der Name des Patriachen von Aquileja, und früheren Bischofs von Passau, Wolfgers von Engelbrechtskirchen, zu dessen Begleitern der Minnesänger Walther von der Vogelweide häufig gehörte. Man kann also durchaus davon ausgehen, dass diese beiden Meister des höfischen Liebesgesangs sich kennengelernt haben.
Zeugnis von der überragenden Dichtkunst des Steinacher Minnesängers aber gibt Gottfried von Straßburg. Dieser ebenfalls hochberühmte Liederkünstler der Stauferzeit beschreibt in seinem 1205-1210 entstandenen Epos "Tristan" die Dichtkunst des Bliggers als "harfengleich". In einer Aufzählung der berühmtesten Epiker seiner Zeit nennt er nach Hartmann von der Aue und Wolfram von Eschenbach gleich den Bligger von Steinach und ist voll des Lobes wegen seiner Sprachkunst. Frei ins Hochdeutsche übersetzt, heißt es im "Tristan" wörtlich:
Noch
gibt's der Farbenmeister mehr:
Bligger von Steinach tritt daher
mit seinen Worten, den wundersamen,
von edlen Frauen, gewirkt am Rahmen
von Gold und Seide köstlich reich.
Man möchte sie durchzieren gleich'
Licht mit der Griechen Borten.
Vollendung glänzt aus seinen Worten:
Sein Sinn, er ist so klar und rein,
es müssen Feen gewesen sein,
die ihn so wunderfein gesponnen
und lieblich in kristallnen Bronnen
ihm liehen hehrste Lauterkeit:
von Feen ist er fürwahr gefeit.
Die Zunge sein, die harfengleiche,
beherrscht zwei heilbeglückte Reiche:
Süßes Wort und klug Empfinden
harfend sich die zwei verbinden,
dass selten süß die Mähre klingt.
Der Meister, der die Worte zwingt,
nehmt wahr, wie seines Sanges Kraft,
des Vorhangs Wunderbilder schafft,
die er mit klugem Wort entwirft;
wie er gewandt die Messer wirft
zu wohlgefügten Reimen.
Wie kann er Reime leimen,
dass sie untrennbar sich vereinen,
auch will es mir im Herzen scheinen,
er müsse Buch- und Schriftbuchstaben
wie Federn angebunden haben,
denn schwebend fliegen, nehmt es wahr,
die Worte sein gleich einem Aar.
Nach übereinstimmender Meinung aller Experten müssen sich die hier erwähnten "Vorhangs Wunderbilder" auf das damals berühmteste, aber leider verschollene Werk des Steinacher Dichters, den "Umbehanc" beziehen, denn auch der Minnesänger Rudolf von Ems rühmt in seinem Alexanderroman dieses Epos des Bliggers als "einzigartig" und "niemals wieder zu vollbringendes Meisterwerk". Nach seiner Beschreibung muß man sich wohl den "Umbehanc" "als eine endlos laufende Bildertapete" oder als einen "ewig weiterzuwirkende Wandteppich" vorstellen, in dem in einer originellen Einkleidung antike Sagen und Fabeln oder auch Minne-Episoden aneinandergereiht waren. Von diese epischen Werk ist - wie gesagt - nichts erhalten geblieben. Doch nach neuester Forschung (siehe Einleitung) wird heute dieser "Umbehanc" für das Niebelungenlied gehalten.
Aufbewahrt aber werden in der Heidelberger Liederhandschrift neben der Miniatur des Dichters noch drei Gedichte, in denen Bligger II. die beherrschenden Themen des Minnegesangs aufgreift: Liebesleid und Liebesglück und vor allem den Seelenzustand des Menschen, der von unerfüllbarer Minne getroffen ist.
Erwähnenswert in diesem Zusammenhang ist auch das Verdienst eines anderen Neckarsteinacher Ritters. Landschad Bligger XIV. verdankt die Geschichtswissenschaft wahrscheinlich einen wichtigen Hinweis auf den Verbleib der Heidelberger Liederhandschrift, deren frühe Geschichte noch weitgehend ungeklärt ist. Man weiß, dass die um 1300 von einer Schweizer Familie "Manesse" gesammelten Liederhandschriften sich um 1450 noch in Zürich befanden. 1490 aber sieht sie - ohne dass der Weg dorthin erklärbar ist - obenerwähnter Bligger XIV. im Heidelberger Schloß, wo er als Hofmeister lange Jahre in Diensten der pfälzischen Kurfürsten stand. Er war einer der bedeutensten Persönlichkeiten des Neckarsteinacher Rittergeschlechts, baute 1481 die spätgotische, heute evangelische Kirche und schrieb 1494 die "Chronik der Familie der Landschaden" auf. In einer chronikalischen Randnotiz erwähnt er die "Manessische Liederhandschrift", denn sie muß ja für ihn von besonderem Interesse gewesen sein, fand er doch hier einen berühmten Vorfahren seines Geschlechts in Wort und Bild wieder.
Elisabeth Hinz